Eine Kunstkammer war in der Spätrenaissance ein Ort, an dem das Wissen der Zeit und die Wunder der Welt in materieller Form zusammengetragen wurden. Fürsten und Gelehrte luden Gäste zum Staunen und Lernen ein. Sie trugen künstliche Objekte als „Artificialia“ und natürliche Sammlungsgegenstände als „Naturalia“ zusammen, die sie dicht gedrängt auf engem Raum präsentierten, um die Fülle der Welt und des Universums zu spiegeln. Die Kunstkammern waren ebenso Hort der Forschung mit wissenschaftlichen Instrumenten als „Scientificia“ wie Repräsentationsorte von Wissen und Macht. Während die „Naturalia“ etwa in Form von Korallen und Muscheln, zusammen mit den „Exotica“ wie ausgestopften Alligatoren oder Narwalzähnen, durch besonders kuriose Einfälle Staunen hervorrufen sollten, oder die weiten Reisen und interkulturellen Vernetzungen des Besitzers in den Vordergrund rückten, konnten die „Artificialia“ und „Scientificia“ künstlerische und wissenschaftliche Erzeugnisse jeglicher Art umfassen.
Historische Kunstkammern sind gut erschlossen und beschrieben, wie beispielsweise eine der ältesten Sammlungen in Schloss Ambras, oder die heute im Kunsthistorischen Museum in Wien zu bestaunende Kunstkammer der Habsburger.
Mathematisches Kompendium, Christoph Schissler, Augsburg 1557, Messing vergoldet, Sammlung Pohl-Goldschmidt.
Die Kunstkammer Pohl-Goldschmidt verfolgt einen anderen Ansatz. Seit mehreren Generationen in Privatbesitz wurden hier Objekte höchster künstlerischer und materieller Qualität zusammengetragen, die ursprünglich für die Verwendung in Kunstkammern gefertigt worden waren. Es handelt sich vornehmlich um wissenschaftliche mathematische Objekte der Renaissance zeit, die von den renommiertesten Herstellern solcher Kunstkammerstücke virtuos kreiert wurden. Ziel der Sammlung Pohl-Goldschmidt ist es nicht, wie sonst üblich, ein Objekt jedes Genres zu präsentieren und eine Kunstkammer nachzubilden, sondern vielmehr die Produktion von Kunstkammerstücken zu dokumentieren und unterschiedliche Ausführungen besonderer Typen spezieller Kunstkammerobjekte gegenüberzustellen.
Damit ist die Kunstkammer Pohl-Goldschmidt eine ergiebige Quelle für das Studium des Kunstkammerobjekts als solches, um Entwicklungen einzelner Hersteller und Konkurrenten nachzuzeichnen. Wissenschaftliche Kunstkammerobjekte waren immer kunstvolles und prächtiges Luxusgut, aber auch Zeugnis des aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstands der Zeit. Diese Verbindung macht sie auch aus heutiger Sicht einzigartig und faszinierend. Die Hersteller – oft selbst Wissenschaftler, Ingenieure oder Mathematiker – versuchten nicht nur bereits Bekanntes zu reproduzieren, sondern durch Kombination oder Verwendung neuer wissenschaftlicher Errungenschaften, nie Dagewesenes zu schaffen und die Welt und das Universum besser zu verstehen.
Klappsonnenuhr (3 Platten), Thomas Tucher, Nürnberg um 1620, Elfenbein koloriert, Messing vergoldet, Eisen, Glas, Sammlung Pohl-Goldschmidt.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
Öffentliche Führung: Sonntags, 16:30 Uhr








